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Ehemaliger Bewohner

Pleushütte

Die Umsiedlung eines ganzen Dorfes

„Ich erinnere mich noch genau: Es war ein Sonntag im April des Jahres 1952. Der Frühling hatte Einzug gehalten in Pleushütte. In den Gärten blühten Osterglocken und Tulpen und es duftete nach frischem Gras. Doch so sehr die Natur auch vor Lebensenergie sprühte, durch Pleushütte wehte ein Wind aus Verzweiflung.

Was seit Wochen wie ein Gespenst als Gerücht umherging und uns alle verunsicherte, hat sich letztendlich doch als Wahrheit herausgestellt: die Rurtalsperre sollte aufgestockt werden. Von 100 auf 200 Millionen cbm. Insgesamt sollen rund 1000 Morgen Felder, Wiesen und Wälder dem See zum Opfer fallen. Und … und damit auch unsere Häuser.

Und so machten die Erweiterungspläne des Rursees auch vor meinem Grundstück nicht Halt. Gerade erst vergangenen Sommer hatten wir die letzten Schäden beseitigt und in mühsamer Arbeit das wiederaufgebaut, was die Bomben und der Krieg zerstört hatten. Und jetzt soll das wirklich alles umsonst gewesen sein? Das Haus, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, mit all seinen Erinnerungen, wird mir nichts dir nichts einfach so dem Fortschritt zum Opfer vorgeworfen?

Zwangsräumung, Umsiedlung, Neuanfang. Wochenlang schwirrte nichts anderes als diese drei Worte in meinem Kopf umher.

Wir protestierten natürlich hartnäckig und versuchten verzweifelt die Aufstockung zu verhindern. Doch nachdem die ersten Landbesitzer ihre Grundstücke verkauft hatten, sank der Widerstand, die Resignation wurde größer und schließlich fügten wir uns alle unserem Schicksal.

Nur die wenigsten meiner Bekannten zogen wie ich auf die andere Seite der Rur nach Einruhr. Die meisten verließen ihre Heimat und gingen in Richtung Aachen oder auf die andere Rheinseite ins Bergische, wo sie ähnliche Bedingungen vorfanden, wie hier in der Eifel.

Ehemaliger Bewohner von Pleushütte

Mit Aufstockung der Rurtalsperre war meine Heimat dem Untergang geweiht.

Und so endete die Geschichte von Pleushütte: Von den 19 Häusern fielen 17 der Spitzhacke zum Opfer und wurden dem Erdboden gleich gemacht. Bald war das Gebiet von Wasser überflutet. Nur zwei Häuser sind bis heute erhalten.

Auch im gegenüberliegenden Einruhr forderte der See seinen Tribut. 17 Häuser wurden abgerissen, teilweise auf angeschüttetem Gelände wiederaufgebaut oder aufgestockt. Die im Tal liegenden Trinkwasserbrunnen wurden geflutet und die gesamte örtliche Trinkwasserversorgung musste umstrukturiert werden.

Eine neue Schule musste gebaut werden. Und da auch der Friedhof im Überflutungsgebiet lag musste er vollständig umverlegt werden – und von eben jenem Friedhof stammt auch dieses Kreuz hier, das auch heute noch, in Erinnerung an alle umgesiedelten Freunde, hier steht.

Geschadet hat die Erweiterung der Talsperre Einruhr aber letztlich nicht: Als „Dorf am See“ zieht Einruhr heute viele Touristen an und gilt als Idylle von besonderem Reiz. Das ehemals stille Bauerndorf hat sich durch die Aufstockung grundlegend verändert und in einen attraktiven Tourismusort verwandelt.“