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Herzog Wilhelm

Jülich

Der Wandel von der Festungs- zur Forschungsstadt

„Ich darf mich kurz vorstellen: Wilhelm V., Herzog von Jülich, Kleve und Berg, Graf von der Mark und Ravensberg und Herr von Ravenstein – um nur einige meiner wichtigsten Titel zu nennen. Nach meinem Tod 1592 nannte man mich übrigens auch „der Reiche“. Bereits im Jahr 1538 wollte ich die strategisch bedeutende, an dem Fluss Rur liegende Stadt Jülich, zu einer starken Festung ausbauen.

Denn die mittelalterliche Stadtmauer, von der noch der Hexenturm am westlichen Ende der Innenstadt kündet, war spätestens seit dem frühen 16. Jahrhundert nicht mehr zur Verteidigung gegen die nun schwere Artillerie mit ihren großen Geschützen geeignet.

Ich hatte gerade mit dem in den Niederlanden tätigen Architekten Alessandro Pasqualini aus Bologna Kontakt aufnehmen lassen, als die Stadt Jülich Pfingsten 1547 zu einem großen Teil ein Raub der Flammen wurde. Für den tüchtige Pasqualini aber tatsächlich eine glückliche Fügung, denn so konnte er durch diese Zerstörung Jülich nun völlig neugestalten.

Er entwarf neben der Zitadelle mit dem Residenzschloss auch gleich eine fünfeckige Stadtbefestigung und eine innerstädtische Bebauung auf einem weitgehend neuen Grundriss. Im Zentrum der neuen Stadt plante er einen großen Platz – den heutigen Marktplatz -, der den Soldaten der Festung zugleich als Aufmarschplatz dienen sollte. Von hier aus konnte man auch in allen Himmelsrichtungen auf die Festungswälle blicken, welche die Stadt vollständig umgab.

Die Straßen legte der findige Architekt so breit an, dass Truppen schnell und einfach von einem Ende der Festung zum anderen gelangen konnten. Die zweigeschossigen Häuser mussten weitgehend aus Stein errichtet werde, damit es nicht noch einmal zu so einem verheerenden Brand kommen konnte. Zudem sollten die Dachtraufen parallel zur Straße und die Häuser keinerlei Vor- und Rücksprünge aufzeigen. Denn niemand sollte in den Straßen Deckung finden können. Und von der neuen Zitadelle aus, konnte schließlich die gesamte Stadt überwacht werden.

Nicht, dass ich meinen Untertanen nicht traute, aber die Sicherheit ging vor. Zudem unterstrich die mächtige Zitadelle mit ihren Wällen und Bastionen meine herausgehobene Stellung im Staat.

Nachdem mein Sohn, Herzog Johann Wilhelm I., aber im Jahr 1609 gestorben war, ohne einen Nachkommen gezeugt zu haben, brach ein heftiger Streit um die Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg aus. Zwei Mal wurde die Festung Jülich belagert und eingenommen.

So kam es, dass sämtlicher höfischer Glanz aus Jülich verschwand und hier von nun an für mehr als drei Jahrhunderte das Militär das Sagen hatte. Die Festung wurde immer weiter ausgebaut, um eine Antwort auf die sich stetig verbessernde Waffentechnik zu finden. Zahlreiche Vorwerke entstanden und um 1800 bauten die Franzosen auf der linken Rurseite sogar ein völlig neues Festungswerk, den Brückenkopf, zur Sicherung des Rurübergangs.

Nach 1815 steckten die Preußen dann noch einmal viel Geld in die Festung. In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Festung Jülich jedoch die besten Zeiten hinter sich. Deshalb beschloss man 1859, den Festungsstatus von Jülich aufzuheben. Die Stadtbefestigung wurde weitgehend geschleift. Zitadelle und Brückenkopf blieben aber bestehen, da man sie als Übungsgelände für eine Unteroffizierschule nutzte. Die innerstädtische Bebauung aber behielt die Grundstruktur des 16. Jahrhunderts.

Herzog Wilhelm aus Jülich

Nach gut 400 Jahren kann ich mich in meiner Residenzstadt Jülich immer noch zu Hause fühlen.

In den 1930er Jahren wurde dann eine umfassende Sanierung der Innenstadt geplant. Der Aachener Professor für Städtebau, René von Schöfer, hatte erkannt, was meinem Architekten Pasqualini mit der idealen Stadtanlage des 16. Jahrhunderts für ein herausragender Entwurf gelungen war.

Er stellte schon Überlegungen an, wie man das ursprüngliche Erscheinungsbild wieder herausarbeiten könnte, als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach. Jülich geriet im Winter 1944/45 in die Kämpfe zwischen der Deutschen Wehrmacht und den Alliierten. Diese verfolgten das Ziel, die Rur möglichst rasch zu überschreiten, um bis zum Rhein vorstoßen zu können. Jülich bildete dabei einen wichtigen strategischen Punkt, der mich ja schon bewogen hatte, die Stadt entsprechend zu befestigen.

Am 16. November 1944 flogen die Alliierten einen Luftangriff auf die Städte Düren, Jülich und Heinsberg, um ihren Bodentruppen den Weg freizubomben. Nahezu die gesamte innerstädtische Bebauung der Städte wurde zerstört. Als der Krieg im Mai 1945 schließlich zu Ende war, stellte sich die Frage, wie man Jülich wiederaufbauen sollte.

Man erinnerte sich an Professor René von Schöfer und seine Planungen zu einer Sanierung der Innenstadt. Tatsächlich hatte von Schöfer noch alle Unterlagen und machte sich daran, den Wiederaufbau von Jülich zu entwerfen. Er beließ das historische Straßenraster und machte Gestaltungsvorgaben für die neu zu errichtenden Häuser. Diese sollten nun allesamt dreigeschossig sein, um mehr Wohnraum zu erhalten, aber die Ausrichtung der Dachtraufe zur Straße und die glatte Fassadengestaltung nahmen Bezug auf die Gestaltung meiner Idealstadtanlage der Renaissance aus dem 16. Jahrhundert.

Und so kommt es, dass ich mich trotz der starken Veränderungen, auch nach gut 400 Jahren in meiner Residenzstadt Jülich immer noch zu Hause fühle und die Grundstruktur meiner Stadtplanung erkenne. Ganz anders, als in Düren, wo die Stadt ein völlig neues Bild erhielt. Ich muss zugeben, dass mich das mit einem gewissen Stolz erfüllt.

Vielleicht begegnen wir uns ja bei Ihrem Rundgang? Halten Sie die Augen offen!“